Psychosoziale Hilfe für Jugendliche in der Ukraine existenziell

Dr. Manuela Richter-Werling, Dr. Pétr Nawka und Norbert Göller von Irrsinnig Menschlich e.V. waren vom 13. bis 19. Mai 2024 in Khmelnytskyi, der Großstadt im Westen der Ukraine. Eingeladen hat sie das Institut für Psychosomatik und Traumatherapie (IPSI), eine 2022 gegründete NGO unter der Leitung der ukrainischen Psychiaterin Natalia Pidkaliuk. Der Auftrag: Gemeinsam mit Akteur*innen aus psychosozialer Hilfe und Versorgung, Schule und kommunaler Verwaltung trotz Krieg in die Zukunft denken.

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Höhepunkt dieser außergewöhnlichen Woche war der internationale Kongress »Generating Community Mental Health« in Khmelnytskyi – ein Aufbruch und Lichtblick im Jetzt und in die Zukunft. Die Leiterin unserer Partnerorganisation IPSI Natalia hat großen Anteil dran, dass dieser so wichtige Kongress zustande kam. Norbert sprach mit ihr vor Ort.

 

Interview mit Natalia Pidkaliuk, Psychiaterin und NGO-Gründerin


Nobert: Meine erste Frage ist sehr pauschal: Wie gehen die Menschen in der Ukraine mit all den großen und kleinen Fragen rund um die psychische Gesundheit um?

Natalia: Alles, was auch nur teilweise mit »seelisch« oder »psychisch« zu tun hat, wird in der Ukraine immer noch stigmatisiert. Doch der Krieg verändert das und die Leute sind jetzt eher bereit, darüber zu sprechen – insbesondere die jüngere Generation.

Wie geht es jungen Menschen derzeit in der Ukraine und was brauchen sie am meisten?

Aus meiner Sicht sind Jugendliche unter den jungen Menschen die derzeit gefährdetste Gruppe. Das sehen wir am Anstieg von Depressionen und selbstverletzendem Verhalten. Die kriegsbedingte Isolation hat gravierende Folgen. Deshalb müssen wir Raum schaffen für die lebendige Begegnung zwischen jungen Menschen und für das Mitteilen ihrer Gefühle.

Die von dir gegründete NGO IPSI will daran etwas ändern. Was ist euer Ziel?

Ziel ist die Prävention von Belastungsstörungen besonders bei jungen Menschen in Schule, Ausbildung und Gemeinde, die kontinuierliche Arbeit mit Traumata bei Menschen, die bereits verschiedene psychische Erkrankungen haben, und die Schulung von Fachleuten und Laien im Bereich psychische Gesundheit.

Wie bist du auf unser Programm »Verrückt? Na und! Seelisch fit in der Schule« und die Arbeit von Irrsinnig Menschlich e.V. aufmerksam geworden?

Wir haben durch Dr. Petr Nawka, unserer slowakischen Partnerorganisation Integra, davon erfahren. Petr engagiert sich auch bei Irrsinnig Menschlich e.V. Und Irrsinnig Menschlich hat uns angeboten, uns auszubilden und das Programm in der Ukraine zu implementieren.

Ihr habt bereits angefangen, in Schulen zu gehen und dort die »Verrückt? Na und!«-Schultage auszuprobieren. Was ist euch wichtig, den Schüler*innen zu vermitteln?

Wir haben bisher zwei Schultage in Khmelnytskyi durchgeführt. Beide Tage haben gezeigt, dass Jugendliche die Möglichkeit brauchen, über ihre Gefühle zu sprechen, und dass sie offen sind und sich während des Tages in den Prozess einbringen. Es gibt also einen riesigen Bedarf, solch eine Arbeit in ukrainischen Schulen zu leisten und den jungen Menschen auf diese Weise ein Gefühl der Hoffnung und Verbundenheit in diesen harten Zeiten des Krieges zu vermitteln.

Gab es etwas beim Kongress »Generating Community Mental Health«, das für dich neu war?

Ich habe es als große Unterstützung erlebt, dass die internationalen Expert*innen persönlich zur Veranstaltung gekommen sind, weil ich dadurch besser verstanden habe, dass es dem ähnelt, was wir für Jugendliche tun können, indem wir zu ihnen gehen!

Was möchtest du den Unterstützer*innen von Irrsinnig Menschlich e.V. gern mitteilen?

Dass das Programm sehr umfassend und flexibel ist. Es kann leicht in die ukrainische Realität implementiert werden und wirkt präventiv gegen schwere Erkrankungen. Wir haben gesehen, dass die Zahlen im vergangenen Jahr gestiegen sind.

Bei euch ist Krieg. Da bleibt kaum Zeit für Träume. Doch wenn du an die Zukunft denkst, welche Rolle spielt dabei die psychische Gesundheit?

Bis zum Sieg haben wir noch etwas Zeit, und Prävention ist das Beste, was wir jetzt schon tun können. Die Gemeinschaft ist der Ort, an dem das Leben eines jeden Menschen beginnt und endet. Deswegen haben wir die Vision, in den Gemeinden Räume zu schaffen, wo Menschen in schwierigen Zeiten Hilfe erhalten und in anderen Zeiten die Möglichkeit haben, ihrerseits Menschen zu helfen. Außerdem können wir verschiedene psychoedukative Veranstaltungen durchführen, die von verschiedenen Organisationen angefragt werden, um die Stigmatisierung zu überwinden und die Integration von allem und allen zu ermöglichen, die mit etwas »Seelischem« zu tun haben.

 

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