20 Jahre Irrsinnig Menschlich e.V. – Geburtstagsbrief in Corona-Zeiten

Liebe Unterstützer*innen, Förder*innen und Freund*innen von Irrsinnig Menschlich e.V., 

seit 20 Jahren begeistern wir junge Menschen in Schule, Studium und Ausbildung für psychische Gesundheit – national und international. Bei unserer Gründung im Jahr 2000 hätten wir das nicht für möglich gehalten. Eine geniale Erfolgsgeschichte aus dem Osten. Das wollten wir 2020 mit Ihnen, mit Euch feiern!  

Mein Name ist Manuela Richter-Werling. Sicher hätte ich als Gründerin ein paar Worte an Sie gerichtet über das, was wir geschafft haben und mehr noch über das, was vor uns liegt. Die Corona-Pandemie macht es unmöglich, obwohl wir Irrsinnig Menschlichen so krisenerprobt sind, weil wir oft mit Krisen zu tun haben.

Deshalb schreibe ich in diesem Brief ein paar Gedanken auf, die mich umtreiben und die ich gern mit Ihnen teilen möchte. Denn in meiner Familie zeigt sich die gesellschaftliche Notwendigkeit der Prävention psychischer Erkrankungen wie in einem Brennglas.

Mein Brief an Sie ist „altmodisch“ lang geworden. Das hat damit zu tun, dass psychische Krankheit, wenn sie früh beginnt und viel Raum hat, sich zu entwickeln, oft lebenslang da ist und großes Unglück verursacht, und das nicht nur bei den unmittelbar betroffenen Menschen. Bei guter Prävention psychischer Erkrankungen wäre dieser Brief weitaus kürzer geworden.

Bitte nehmen Sie sich die Zeit, ihn zu lesen und mit mir und uns in den Austausch zu kommen. Ich danke Ihnen!

Der Anfang

Als wir Irrsinnig Menschlich e.V. gründeten, arbeitete ich noch als Journalistin für Funk und Fernsehen und dachte, Psychiatrie „gleich“ spannende Menschen, „gleich“ spannende Geschichten. Mich hat schon immer fasziniert, wie Menschen es schaffen, schmerzliche, schreckliche, ja lebensbedrohliche Ereignisse zu überstehen und daran offensichtlich noch zu wachsen. Dass meine Leidenschaft für seelisch gutes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen so stark mit meiner Lebensgeschichte verbunden ist, habe ich lange Zeit nicht gemerkt, verdrängt und ausgeblendet, auch als ich Irrsinnig Menschlich e.V. mitbegründet und unser so erfolgreiches Präventionsprogramm „Verrückt? Na und! Seelisch fit in der Schule“ entwickelt habe. Psychische Krisen und Krankheiten gehören zu meiner Herkunftsfamilie, haben eine lange „Tradition“ und wirken über Generationen. Wer damit aufwächst, „gewöhnt“ sich daran, Kinder wahrscheinlich viel schneller als Erwachsene. Dazu später mehr.

Der große Zusammenhang

Psychische Gesundheit der Bevölkerung zu fördern und psychischen Erkrankungen vorzubeugen, lohnt sich: Wohlbefinden, Lebensqualität und Stabilität von Gesellschaften steigen. Kurzum: Psychische Gesundheit verbunden mit einer guten Gemeinschaft, auf die wir in schlechten Zeiten zurückgreifen können, ist essentiell für unser Leben, der „Glücksfaktor“ schlechthin. Das zeigt nicht zuletzt aktuell die Corona-Pandemie.

Dagegen gelten psychische Krankheiten als Unglücksfaktor. Nach Aussagen der WHO ist jeder dritte Mensch im Verlaufe seines Lebens davon betroffen. Während körperliche Erkrankungen oft erst im späteren Lebensalter zum ernsthaften Problem werden, suchen psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen Menschen jeden Alters heim: jedoch am stärksten Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Studien weisen nach, dass 75 % aller psychischen Störungen vor dem 20. Lebensjahr beginnen. 20 bis 30 % der Kinder und Jugendlichen gelten als psychisch auffällig; 12,4 % von ihnen sind sozial und familiär stark belastet. Dazu kommen ca. 5 Mio. Kinder, deren Eltern psychisch krank sind. Nur wenige bekommen rechtzeitig passende Hilfen. Entwicklungsschritte, wie die Schule zu schaffen und den Übergang in Ausbildung und Beruf, die eigene Identität zu finden, Liebe, Partnerschaft, eine Familie zu gründen etc. sind oft beeinträchtigt. Die Folgen: großes persönliches Leid, wie Abhängigkeit von Sozialsystemen, Straffälligkeit, hohes Suizidrisiko, Frühverrentung und immense gesellschaftliche Kosten. Die belaufen sich bei seelischen Erkrankungen auf 44,4 Milliarden Euro direkte Kosten. Oft sind immer wieder dieselben Menschen betroffen, lebenslang. Deshalb müssen psychische Probleme bei jungen Menschen früher erkannt, erfolgreicher vermieden, angemessen behandelt und besser bewältigt werden.

Das Alltägliche

Was ich hier im Großen beschrieben habe, konnten, mussten, durften wir als Familie „testen“: Mutter, Vater, drei Kinder, ein Junge, zwei Mädchen. Mein großer Bruder, 13 Monate älter als ich, war in meiner Erinnerung schon immer auffällig: zu klein, zu dünn, kränklich, immer neue „Macken“ – von mondsüchtig über zwanghaftes Händewaschen und Dinge ordnen, bis zu großer Ängstlichkeit und starken Schlafstörungen. Die Erwachsenen sprachen oft über ihn und machten sich viele Gedanken, weil er keine Freunde hatte. Er sei eben ein „Eigenbrötler“, aber auch der „Stammhalter“ und sollte etwas werden. Ich, die wenig jüngere Schwester, galt dagegen als zu groß, zu dick, „handzahm“, die unauffällig ihr Ding macht und meine sechs Jahre jüngere Schwester als Sonnenschein. Eine ganz normale Familie eben. Jeder hat seinen Platz. In der Pubertät verstärkten sich die Eigenheiten meines Bruders. Heute würde man sagen Depressionen, Ängste und Zwänge. In der Schule, wir gingen 12 Jahre zusammen in eine Klasse, war mein Bruder gut, sozial angepasst, wenngleich sehr zurückhaltend, gute und sehr gute Noten. Was Mitschüler*innen und Lehrkräfte freilich nicht wussten, mit welcher Energie mein Bruder die „perfekte Maske“ jeden Tag aufrechterhalten hat. Machte ich z.B. eine Stunde Hausaufgaben, saß mein Bruder bis Mitternacht, kam früh kaum aus dem Bett und erreichte in letzte Minute schweiß-und angstgebadet die Schule. Wahrscheinlich könnte man mit dieser Energie ganze Städte beheizen. Ich, als Schwester, hatte auch ein großes Paket zu tragen, unbewusst natürlich: u.a. jeden Morgen Angst und Sorge, schafft es mein Bruder in die Schule unter all den Umständen und Auseinandersetzungen, die sein Verhalten auslöste. Meine Aufgaben: Aufpassen, Einlenken, Schönreden, Kümmern, Schützen, Vorausschauen, „Gefahren“ früh erkennen und abwehren…

Die Schuld

Ohne, dass wir es als Familie bemerkten, fing mein Bruder an, sich selbst zu medikamentieren, so heißt das Fachwort. Alkohol, Tabletten, alles, was es gab zum „Aufputschen“ und Runterkommen. Dazu kamen Suizidgedanken. Keiner hat es gemerkt und darüber gesprochen, obwohl im Nachhinein vieles auffällig und komisch war. Später galt mein Bruder als von Alkohol und Tabletten abhängig, an Depressionen, Zwängen und Ängsten erkrankt, hatte etliche Klinikaufenthalte und ambulante Therapien. Meine Eltern haben sich in Angehörigengruppen engagiert, vielen anderen Eltern geholfen und natürlich immer wieder ihrem Sohn. Mit 56 Jahren hat er sich das Leben genommen.

Noch immer streiten sich meine hochbetagten kranken Eltern, welche Familie an der tragischen Entwicklung meines Bruders „schuld“ sei: die mütterliche oder väterliche.

Hilfe, Hoffnung, Normalität

Ich bin mir ziemlich sicher, wenn es damals schon so etwas wie das von uns entwickelte und verbreitete Präventionsprogramm „Verrückt? Na und!“ gegeben hätte, wäre mein Bruder möglicherweise noch am Leben, weil er gehört hätte, dass er nicht allein mit seinen komischen Gedanken ist, dass man darüber sprechen darf, dass es Hilfe gibt, dass es normal ist. Und auch ich, als seine Schwester, hätte mich entlastet gefühlt, hätte bestimmt mit meinem Klassenlehrer darüber gesprochen und Verständnis in meiner Klasse gefunden. Was mich so sicher macht? Beim letzten Klassentreffen vor drei Jahren, mein Bruder fehlte, es war kurz nach seinem Suizid, waren psychische Erkrankungen das zentrale Thema. Fazit in meiner Klasse: Zwei Suizide von Mitschülern wegen psychischer Krankheit. Ein Mitschüler leidet an Psychosen, seine Kinder auch, zwei Mitschüler*innen waren wegen Burnout in Behandlung, ich selbst habe eine mittelschwere Depression gut überstanden. Wahrscheinlich ist die Dunkelziffer noch höher.

PS: Später kam übrigens heraus, das die Depression in unserer Familie liegt, wie bei anderen Familien Magengeschwüre oder Diabetes, und dass es schon mehrere Suizide gegeben hat.

Seelische Krisen sind normal, haben „gute“ Gründe und gehören zum Aufwachsen. Häufig verbergen sie sich hinter Problemen wie Drogen, Alkohol, Mobbing, Gewalt, Schulabstinenz, Schulabbruch und suizidalem Verhalten. Seelische Krisen beeinträchtigen das Klassenklima, den Schulerfolg und werden oft zuerst von Lehrkräften erkannt. Die meisten Menschen überstehen seelische Krisen und wachsen daran! Das ist die gute Botschaft.

Die schlechte ist, dass seelische Krisen und Erkrankungen mit Ängsten, Vorurteilen und Stigmata behaftet sind, weil sie den ganzen Menschen betreffen: sein Denken, Fühlen und Verhalten. Deshalb haben viele Menschen Angst, darüber zu sprechen und sich rechtzeitig Hilfe zu suchen. Sie befürchten, als verrückt abgestempelt zu werden, dass andere davon erfahren und Gerüchte darüber verbreiten, dass sie Medikamente nehmen müssen und in eine Klinik eingewiesen werden. Sie haben Angst, nichts mehr wert zu sein und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden! Um Stigmatisierung und Ängsten entgegenzuwirken, empfiehlt die Forschung eine Kombination aus Information, Aufklärung und Kontakt mit Menschen, die psychische Krisen meistern mussten. Dieser Strategie folgen wir in all unseren Programmen.

Daten, Fakten, Strategien

Vier einfache Gründe für die Prävention psychischer Erkrankungen

  1. Psychische Erkrankungen sind häufig und verursachen viel Leid für die betroffenen Menschen, ihre Angehörigen und ihr Umfeld sowie hohe gesellschaftliche Kosten.
  2. Wie bei körperlichen Erkrankungen ist es besser, das Auftreten von Krankheit zu verhindern als erst nach Krankheitsbeginn aktiv zu werden.
  3. Psychische Erkrankungen beginnen früh, etwa die Hälfte bis zum 15. Lebensjahr, drei Viertel bis 25. Lebensjahr. Erfolgreiche Prävention sorgt für Jahrzehnte erhaltener Gesundheit, sozialer Teilhabe, Arbeitsfähigkeit usw., kurz – Lebenszufriedenheit!
  4. Die Erfolgsrate psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung ist begrenzt. Das zeigen Modellrechnungen am Beispiel der Depression: Selbst wenn alle depressiv erkrankten Menschen an evidenzbasierten Behandlungen teilnähmen, ließe sich ihre Krankheitsbelastung in Form verlorener gesunder Lebensjahre nur um ca. ein Drittel reduzieren. Die verbliebenen zwei Drittel lassen sich nur vorbeugend angehen. Tatsächlich ist Prävention psychischer Erkrankungen noch wichtiger, denn nur eine Minderheit der Betroffenen nimmt überhaupt wirksame Behandlung in Anspruch, auch aus Furcht vor Stigmatisierung und Etikettierung, sowie aufgrund der Strukturen des Versorgungssystems.

Wieso Prävention psychischer Gesundheit vernachlässigt wird

Das Stigma ist einer der Hauptgründe dafür. Zwei Faktoren spielen dabei eine Rolle:

  1. Öffentliches Stigma und strukturelle Diskriminierung führen dazu, dass psychische Gesundheit politisch im großen Bereich der Präventionsmaßnahmen nicht priorisiert und in der Folge Prävention unzureichend finanziert und implementiert wird.
  2. Öffentliches Stigma, Selbststigmatisierung und Scham erschweren die Teilnahme an Präventionsmaßnahmen, wenn sie denn zur Verfügung stehen. Das ist vergleichbar mit dem Problem von Stigma als Barriere für das Hilfesuchen.

Das Prinzip von Prävention im Bereich psychischer Gesundheit

Es geht darum, individuell und gesellschaftlich Verhalten zu üben, das unsere psychische Gesundheit erhält und fördert. Ein beredtes Beispiel für präventive Verhaltensänderung ist das Gurtanlegen beim Autofahren. Wird das Verhalten in der Gesellschaft selbstverständlich, rettet es Leben und Gesundheit zahlloser Autofahrer*innen und Beifahrer*innen.

Wieso es sich für die Gesellschaft lohnt, in die Prävention psychischer Erkrankungen zu investieren

Dafür gibt es gute Gründe, neben der ethischen Verpflichtung, vermeidbares Leid zu verhindern. Und dafür muss man kein „Gut-Mensch“ sein:

Die Kosten für Prävention werden mehr als aufgewogen durch vermiedene Folgekosten! Das belegen Studien hinreichend.

  1. Präventionsarbeit, insbesondere mit jungen Menschen, kann Nutzen über Jahrzehnte erbringen.
  2. Der Nutzen von Prävention beschränkt sich nicht auf das Gesundheitssystem, sondern führt zu Einsparungen in Bereichen wie Schule, Ausbildung, Beruf, Sozialleistungen und Justiz.
  3. Besonders starke ökonomische Argumente gibt es für Präventionsmaßnahmen im Bereich Kinder und Jugendliche.

Es ist wirtschaftlich und ethisch geboten, heute die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu fördern, damit weniger von ihnen die arbeitslosen und kranken Menschen von morgen sein werden!

Wieso es bei der Prävention psychischer Erkrankungen nur selten ein abgestimmtes Vorgehen und gemeinsames Budget gibt

Man sollte meinen, der Nutzen von Prävention in den verschiedenen Bereichen erleichtere die Umsetzung von Prävention. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Denn in Bezug auf Finanzierung, Verantwortlichkeit und Eintrittsregeln sind die Systeme von Gesundheit, Bildung, Arbeit, Sozialhilfe und Justiz so stark getrennt, dass ein abgestimmtes Vorgehen und gemeinsames Budget für Prävention sehr selten gelingen. Die mehrere Bereiche betreffenden positiven Auswirkungen werden nicht einmal zur Kenntnis genommen, geschweige denn danach gehandelt. Das seit 2016 gültige Präventionsgesetz hat zur Verbesserung der Strukturen und Koordination nicht erkennbar beigetragen.

Ein Unterschied zur Prävention körperlicher Erkrankungen ist, dass Ursachen und Folgen psychischer Erkrankungen wesentlich komplexer und fragmentierter sind.

Kleiner Aufwand – Große Wirkung

Lassen Sie uns gemeinsam schauen, wie wir mit vereinten Kräften die Prävention psychischer Krisen und Erkrankungen insbesondere bei jungen Menschen endlich zur Selbstverständlichkeit werden lassen können. Bislang ist das immer noch die Ausnahme: 2019 haben wir mit unseren Präventionsprogrammen ca. 40.000 Schüler*innen, Studierende und Auszubildende erreicht. Das müssen entschieden mehr werden. Denn die beste Intervention richtet wenig aus, wenn sie keine hohe Durchdringung erreicht, also nicht im Alltag ankommt.

Dringend nötig ist ein Ansatz, der psychische Erkrankungen mit ihren weitreichenden sozialen Ursachen und Folgen über alle Politikbereiche hinweg priorisiert.

Bitte setzen Sie sich dafür ein und lassen Sie uns dazu im Gespräch bleiben!

Lassen Sie uns die Glücksquelle psychisches Wohlbefinden gemeinsam zum Sprudeln bringen und solidarisch verbunden mit allen kleinen und großen Menschen sein. Nur gemeinsam haben wir die Kraft, Krisen zu überwinden und daran zu wachsen!

Herzlichen Dank und gute Gesundheit!

Dr. Manuela Richter-Werling, Gründerin und Geschäftsführerin von Irrsinnig Menschlich e.V.