Hilfe bei psychischen Erkrankungen oder Krisen
Für Lehrkräfte: Wie Sie Schülern in seelischen Krisen helfen können

Erwachsenwerden ist ein aufregendes Abenteuer! Es ist die Zeit des Lernens, der Rebellion und der Selbstfindung. Hindernisse und Widerstände gehören dazu. Zentrale Themen für die Gesundheit von Teenagern zwischen 12 und 18 Jahren: den Körper spüren, Grenzen setzen, die eigene Identität finden.

Was ist Verrückt? Na und!

Jugendliche in seelischer Not

Was Sie als Lehrkraft wissen sollten

Stressfaktoren, die Jugendliche belasten können

Stress in Schule und Ausbildung, Druck von Gleichaltrigen, die Angst kritisch bewertet zu werden, Druck durch die Medien, Alkohol & Drogen zur Kompensation von Problemen, Liebeskummer, Gruppenzwang, Flucht in die virtuelle Welt, Mobbing, Streit in der Familie, kranke Eltern, Gewalt… Wenn einiges davon zusammenkommt, kann das zu einer Krise führen.

Warnsignale psychischer Krisen bei Jugendlichen

  • Sorgen, Ängste, Aufregung, Rastlosigkeit
  • Negative Gedanken, Unentschlossenheit, wenig Selbstvertrauen
  • Überempfindlich, launisch, wütend
  • Rückzug von Hobbys und alterstypischen Aktivitäten
  • Leistungsabfall in der Schule, Schwänzen, Schulabbruch
  • Alkohol- und Drogenmissbrauch
  • Weglaufen von zu Hause
  • Schlaflosigkeit oder unendliche Erschöpfung
  • Kopfschmerzen, Essstörungen
  • Selbstisolation
  • Sich selbst verletzen, Hoffnungslosigkeit, Suizidgedanken

Manchmal schlechte Gefühle zu haben, ist normal. Doch wenn viele dieser Zustände mehr als zwei Wochen anhalten, sollte professionelle Hilfe gesucht werden.

Typische Bewältigungsstrategien

  • Selbst auferlegte Einsamkeit: Betroffene ziehen sich zurück und hoffen, dass sich die Probleme mit der Zeit lösen werden. Das kann jedoch das Auftreten der Symptome verlängern und die Situation verschlimmern.
  • Fröhliche Maske: Oft versuchen die Betroffenen mit aller Macht, den Schein zu wahren und setzen eine fröhliche Maske auf. Das erfordert sehr viel Energie von ihnen, die sie eigentlich für ihre Gesundung brauchen.
  • Negative Gefühle – schlechte Gesellschaft – schlechte Gewohnheiten: falsche Freunde, Drogen, Alkohol, Kriminalität, Prostitution.
  • Essverhalten: Essen, um sich zu trösten. Essen verweigern, um die Kontrolle zu behalten. Essen und Brechen als Hunger nach Leben und Flucht vor dem Leben.
  • Selbstmedikation: mit Zigaretten, Drogen, Alkohol, Tabletten, um schlechte Gefühle und Schwierigkeiten wie Schmerzen, innere Unruhe, fehlende Konzentration, Spannungen, Schlafstörungen mit dem Konsum von Substanzen zu reduzieren, die belebend oder beruhigend auf das Nervensystem wirken. Das ist ein großer Risikofaktor zur Suchtentwicklung.
  • Sich selbst verletzen: Eine Lösung, um zumindest zeitweilig die eigenen Probleme loszuwerden.

Tschüss, Du grausame Welt

Viele junge Menschen, die eine psychische Krise erleben, wissen nicht, was mit ihnen passiert. Sie versuchen einen Weg zu finden, um mit ihren Gefühlen zurechtzukommen. Diese Strategien sind jedoch häufig kein guter Weg, um Probleme zu bewältigen.

Als Lehrkraft sollten Sie zu allen möglichen Gelegenheiten betonen, dass es immer Hoffnung und Hilfe gibt. Denn so können Schüler, die vielleicht schon die Hoffnung verloren haben, eher den Mut finden, sich ihnen oder einer anderen Lehrkraft anzuvertrauen und Hilfe zu bekommen.

Hilfe holen, braucht Mut

Jugendliche haben oft Angst, sich Hilfe zu suchen, weil sie befürchten,

  • ein Schwächling zu sein.
  • abgestempelt zu werden.
  • dass andere davon erfahren und Gerüchte verbreiten.
  • Medikamente nehmen zu müssen.
  • in eine Klinik eingeliefert zu werden.
  • dass keiner mehr mit ihnen zu tun haben will.

Der Weg durch das Labyrinth des Gesundheitswesens

Hilfe im Internet

Die meisten Jugendlichen informieren sich zuerst im Internet. Hier gibt es viele Informationen, die für Jugendliche interessant und hilfreich sind, zum Beispiel:

www.junoma.de: Das Team von junoma beantwortet jede Not-Email.

www.bke-jugendberatung.de: Sprechen über Sorgen, Ängste und Nöte – ob in der Einzelberatung, im Gruppenchat oder Online-Forum

www.fideo.de: Informationsangebot mit moderiertem Selbsthilfe-Forum zum Thema Depression bei jungen Menschen

www.nummergegenkummer.de: Bei Sorgen und Problemen gibt es Rat per Email.

Wo es professionelle Hilfe gibt

Kinder und Familienberatungsstellen, die Hausärztin oder der Kinder- und Jugendarzt sind oft die richtigen Ansprechpartner für ein erstes Gespräch. Sie vermitteln, wenn nötig an Experten.

Psychologen: Das sind Spezialisten auf dem Gebiet des menschlichen Verhaltens. Sie helfen, mit der Krise oder Erkrankung besser umzugehen, die eigenen Gefühle und das eigene Verhalten besser zu verstehen.

Kinder- und Jugendpsychotherapeuten: Sie diagnostizieren und behandeln psychische und psychosomatische Störungen mit wissenschaftlich anerkannten psychotherapeutischen Verfahren.

Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie: Sie diagnostizieren und behandeln psychische Erkrankungen. Dabei nutzen sie verschiedene Formen der Psychotherapie und können Medikamente verschreiben. Sie entscheiden, ob eine ambulante, eine stationäre oder tagesklinische Behandlung angezeigt ist.

Finden Sie schneller Hilfe über die Therapeutensuche

Geduld und Ausdauer

Es ist nicht leicht, den richtigen Arzt oder Therapeuten zu finden und eine genaue Diagnose zu erhalten. Deshalb braucht es viel Geduld und Ausdauer.

Sich Hilfe zu holen, ist stark

Das Wichtigste ist, nicht zu lange zu warten: Darüber zu sprechen, sich früh Hilfe zu holen und passende Hilfen zu bekommen, damit das Leben wieder besser wird. Die Entscheidung für eine Therapie müssen letztlich die Betroffenen treffen. Doch allein ist das für sie nicht zu schaffen: Sie brauchen die Unterstützung der Familie, Freunde und der Schule.

Wenn eine psychische Erkrankung diagnostiziert wird

Darauf reagieren betroffene Jugendliche unterschiedlich: mit Ablehnung, Angst, Trauer, Wut, Erleichterung.

Viele Jugendliche ärgern sich, wenn sie eine Therapie beginnen müssen. Doch in Wirklichkeit kann dieser Weg sehr lohnend und aufschlussreich sein. Denn hier hat man die seltene Möglichkeit, alles zu sagen, ohne dafür kritisiert zu werden. Mit einer vertrauten Person über negative Gedanken zu sprechen, hilft sie zu verbannen. Ausgesprochene und mit Abstand betrachtete Gedanken verlieren an Einfluss und Kraft. Die Gespräche mit den Therapeuten unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht.

Jeder Mensch erholt sich anders und in seinem eigenen Tempo. Es kann sehr hilfreich sein, einen Plan zusammen mit dem Therapeuten zu erstellen, damit jeder weiß, woran sie künftig arbeiten können. Eine gute Therapie entlastet die Psyche, hilft die Krise zu bewältigen und leitet den Heilungsprozess des betroffenen Jugendlichen ein.

Unterstützung durch Familie

Eines der größten Probleme für Jugendliche sind die Eltern. Oft schämen sie sich für die Erkrankung des Kindes, lehnen es ab oder ignorieren es. Das sollten Sie als Klassenlehrer wissen und berücksichtigen. Heute werden die Familien, wenn es irgend geht, in die Therapie eingebunden. So können am besten falsche Vermutungen über das Kind ausgeräumt und der Heilungsprozess beschleunigt werden.

 

Unterstützung durch die Schule

Die Schule kann wichtige Strukturen zur Unterstützung von Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen schaffen: Klassenleiter, Schulsozialarbeiter, Schulcoaches, Schulpsychologen. Es ist gut, wenn sich Schüler diesen Personen anvertrauen können. Sie können das Wohlbefinden in der Schule und Klasse aktiv beeinflussen und beständig Hilfe anbieten.

Gut ist auch, wenn die Eltern der betroffenen Jugendlichen Vertrauen zur Schule haben. Wie kann die Schule sonst helfen, wenn sie nichts von den Problemen weiß?

Was Jugendliche stark macht: Das sollte an jedem Schultag Thema sein!

Was Sie als Lehrkraft tun können

Lehrer haben enormen Einfluss   

Sie sind wichtige Bezugspersonen und Vorbild, wenn es um das Wohlergehen ihrer Schüler geht. Ihre Schüler bauen auf Sie, auch wenn Sie das als Lehrer möglicherweise gar nicht so wahrnehmen. Schließlich verbringen Schüler viel Lebenszeit in der Schule. Und gute Stimmung in der Schule kann eine ganze Menge Schwierigkeiten vermindern!

Lehrer bleiben und sich gemeinsam vorbereiten

Lehrkräfte fühlen sich oft unsicher, was Schüler und seelische Krisen angeht: Wie spricht man so etwas an? Was kann ich überhaupt tun? Und wo sind meine Grenzen? Die Schule ist schließlich keine diagnostische oder therapeutische Einrichtung und Lehrer sind keine Therapeuten. In der „kleinen Welt“ Schule findet Leben statt. Und das verlangt nach Antworten auf Lebensfragen.

Täglich gibt es Störungen im Unterricht durch Schüler, die auffallen, weil sie laut und unruhig sind. Oder Schüler bereiten Anlass zur Sorge, weil sie allzu auffällig unauffällig sind. Doch nicht alles, was aus der Norm fällt, ist „gestört“.

Ermutiger sein

Gefragt sind Achtsamkeit und Wachsamkeit. Lehrkräfte sollten immer wieder ihre Wahrnehmung schulen, wie Schüler mit sich, ihren Mitschülern und ihrer Umwelt umgehen, um darauf zu vertrauen. Es lohnt sich, im Kollegium einen Konsens darüber herzustellen, wie Probleme in der Schule angesprochen werden. Entscheidend dafür sind Vertrauen, Diskretion und Vernetzung mit Unterstützern innerhalb und außerhalb der Schule.

Eine einzige Schulstunde hat mir geholfen. Als ich in der 7. Klasse psychisch krank wurde, hat mein Lehrer unabhängig vom Lehrplan mit uns über seelische Gesundheit gesprochen. Für mich war das ein Zeichen, dass der Lehrer offen für psychische Krisen war. Und das hat mich sehr ermutigt.

Dennis Riehle, Blogger, Autor und persönlicher Experte bei Verrückt? Na und!

Unterstützung in akuten Krisen

Bewahren Sie Ruhe und holen Sie Hilfe. Sorgen Sie dafür, dass der betroffene Schüler geschützt wird und nicht allein ist. Versuchen Sie, den Schüler in seiner Not, Panik, Verzweiflung zu akzeptieren, hören Sie ihm zu und nehmen Sie seine Gefühle ernst. Angst, Panik etc. auszureden, ist wenig hilfreich. Informieren Sie die Eltern.

Tipp

Folgende Frage ist nützlich: Was könnte Dir als Erstes helfen? Erfahrungsgemäß nennen Schüler dann oft einfache, konkrete Dinge, die sich rasch umsetzen lassen, zum Beispiel hinlegen, schlafen, etwas essen oder trinken, frische Luft.

Was noch nützlich ist

  • Fortbildungsprogramme für Lehrkräfte, um seelische Probleme besser zu erkennen, anzusprechen und um mehr Selbstvertrauen zu bekommen, helfen zu können.
  • Programme zur Förderung der seelischen Gesundheit für Schüler. Das führt zu einem offeneren Umgang mit seelischen Problemen und zu einem früheren Hilfesuchen.
  • Konkrete Hilfen in der Schule und Gemeinde für alle zugänglich zu machen, zum Beispiel auf der Schulhomepage. Mitarbeiter von Hilfsangeboten regelmäßig einladen, damit sie sich Schülern, Eltern und Lehrern vorstellen und mögliche Hemmschwellen abbauen.
  • Viele Anregungen dazu finden Sie bei MindMatters – Mit psychischer Gesundheit gute Schule machen verlinken

 

Auf die eigene Gesundheit achten

  • Wie stärken Sie als Lehrende Ihr Wohlbefinden?
  • Was gelingt Ihnen gut, macht Spaß und Freude?
  • Wie erreichen Sie Ihre Ziele und wobei sind Sie besonders erfolgreich?
  • Wie können Sie Ihre Motivation stärken und ausbauen?

Es lohnt sich nach Antworten zu suchen, persönlich und gemeinsam im Kollegium. Schließlich sind Sie als Pädagogen verantwortlich für einen gesundheitsförderlichen Umgang mit sich selbst, mit ihren Schülern und Kollegen.

Seelisches Wohlbefinden in der Schule zu pflegen, gehört deshalb zu den Kernaufgaben der Schule als Gesamtorganisation und richtet sich an alle Schulmitglieder.

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